Vorwort
Vorwort
Im Zug von Bremen nach Bonn sitzt eine Frau von vielleicht 25 Jahren, liest die Süddeutsche und schlürft ein Bio-Wellnessgetränk. Daneben ein dicker Herr im besten Alter mit Lederjacke, Bierflasche, blättert im Sportteil eines lokalen Anzeigenblatts. Ob die beiden sich etwas zu sagen hätten? Und: ob sie mal einen Gottesdienst besuchen oder den Gemeindebrief einer Kirchengemeinde lesen?
Wir wissen es nicht, aber wir wünschen uns, dass Kirche diesen beiden – und Vielen mehr – etwas zu bieten hat. Wir freuen uns, wenn die, die dafür Verantwortung tragen, es mit uns wagen, genau hinzuschauen und sich zu fragen, was ein Wellnessgetränk mit der Kirche zu tun hat.
Solch ein Blick auf mögliche Gemeindeglieder ist vielleicht ungewöhnlich. Obwohl wir doch alle über entsprechende Erfahrungen verfügen. Wir vermuten, es geht den meisten Leserinnen und Lesern dieses Buch so, dass es ihnen leichter fallen würde, die SZ-Leserin anzusprechen. Vielleicht könnte man über das „Streiflicht“ beginnen, miteinander zu reden – jene Kolumne auf der ersten Seite, die geistreich-lustig den Irrwitz von Tagesmeldungen aufspießt: Da ist man schon fast bei der Religion. Und Gott und die Bibel kommen tatsächlich immer wieder vor im Streiflicht, wenn auch ganz anders als in der Predigt. Mit dem Fußballfan und Biertrinker hingegen tun wir uns schwerer, auch dann, wenn wir von der Fussballbundesliga oder von Biersorten sehr wohl eine Ahnung haben. Warum ist das so? Eine Antwort darauf gibt die Milieutheorie.
Die Milieutheorie ist nicht nur etwas für die Bahnfahrt. Wir sind überzeugt davon, dass die Milieutheorie ein besonders hilfreiches Instrument für die Analyse und die Planung kirchlicher Arbeit überhaupt sein kann. Dieses Instrument möchten wir Ihnen in diesem Buch vorstellen. Wir möchten es Ihnen so vorstellen, dass Sie die Milieuperspektive verwenden können in ihrer Praxis der Gemeindearbeit, der Leitung und Planung in der Kirche. Dieses Buch wendet sich also an Presbyterinnen und Presbyter, an Pfarrerinnen und Pfarrer, an alle, die Verantwortung übernehmen für die Arbeit der Kirche, die sich kümmern um das, was in ihrer Kirche geschieht, die mitplanen, mitgestalten.
Für diese Praxis, so denken wir, ist dieses Buch eine wichtige Hilfe. Sie werden nach der Lektüre Ihre Arbeit anders sehen und auf Ideen gekommen sein, besser zu handeln. Denn Sie haben neue Möglichkeiten erfahren, Ihre Praxis zu sehen. Ihre Handlungsspielräume, die Sie wahrnehmen, sind nun erweitert. Ihnen wird bewusster, was Sie tun und was Sie lassen können. Nicht dass wir Ihnen einfache Rezepte vorsetzen, von denen wir behaupten würden: Das klappt immer. So etwas gibt es nicht. Die kirchliche Praxis ist dazu viel zu vielfältig, und Sie, die Leserinnen und Leser, sind dazu auch viel zu unterschiedlich. Außerdem sind Sie Erwachsene, die nicht von uns an der Hand geführt werden wollen. Sie haben Ihre eigene Urteilskraft. Aber wir stellen Ihnen ein Arbeitsmittel zur Verfügung, mit dessen Hilfe Sie Ihre eigene Praxis selbstbewusster und kreativer für Ihre Situation passend gestalten können.
Wer sind wir, dir wir Ihnen dieses Instrument vorstellen? Wir sind ein Team von einer Autorin und zwei Autoren, die gemeinsam zu den Milieus geforscht haben und die über Erfahrung in Projekten der Umsetzung von Milieuperspektiven verfügen. Prof. Dr. Eberhard Hauschildt, Praktischer Theologe an der Universität Bonn, hat mit als erster die Umsetzung der Milieutheorie für die kirchliche Arbeit und praktisch-theologische Mitgliedschaftsforschung gefordert und selbst in Bonn eine größere Umfrage durchgeführt, deren Ergebnisse in das Buch eingeflossen sind. Von ihm stammt auch die Idee zu diesem Buch. Für die meisten Passagen aus dem Einleitungsteil und einige weitere Passagen aus dem ersten Teil hat er die Grundtexte geliefert. Dr. Claudia Schulz, Theologin und Soziologin, hat in der großen vierten EKD-Mitgliedschaftsstudie mitgearbeitet. Sie ist mit der Auswertung empirischer Daten vertraut und hat mit Presbyterien und Kirchenkreisen in unzähligen Vorträgen und Workshops über die Lebenstil-Gruppen der Mitgliedschaftsanalyse gearbeitet. Sie hat aus den Daten unsere Konstruktion der sechs Milieus erstellt, mit der wir hier arbeiten, und die Grundtexte für fast den gesamten Rest des Buches. Dr. Eike Kohler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Professor Hauschildt. Er hatte die Bonner Milieu-Umfrage mit konzipiert und ihre Auswertung angeleitet und hat sich neben der Arbeit am Text auch besonders in der weiteren technischen Umsetzung bis hin zum Druckmanuskript engagiert. In den Jahren 2006 und 2007 haben wir drei in einem gemeinsamen Forschungsprojekt an der Universität Bonn die theoretischen und die datenbezogenen und methodischen Grundlagen, die die Basis für dieses Buch bilden, die theologischen Prinzipien und die Hauptlinien der Umsetzung gemeinsam erarbeitet. Der Wortlaut des Buches wird von uns dreien zusammen verantwortet. Jede Zeile ist von uns gemeinsam geprüft worden.
Wir danken vielen anderen Menschen, die sich für dieses Buch engagiert haben. Da sind die Gemeinden und Einrichtungen, die Umfragen erlaubt haben, und Personen, die sich haben befragen lassen. Wir danken denen, die ihre Daten bereitwillig für die Forschung zu Verfügung gestellt haben: dem Kirchenamt der EKD für die Daten der vierten EKD-Mitgliedschaftsumfrage sowie Prof. Dr. Michael Vester und PD Dr. Helmut Bremer für die Transkripte der „Gruppenwerkstätten“ der Studie „Soziale Milieus und Kirche“. Hans-Helmut Scharmach hat aus der Sicht eines Gemeinberaters, Dr. Klaus Kohl aus der Sicht eines Gemeindepfarrers und Elke Schulz aus der Sicht eines nicht theologisch vorgebildeten Gemeindemitglieds das Manuskript kritisch gegengelesen. Auch ihre Rückmeldungen waren uns außerordentlich wichtig. Schließlich danken wir dem Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. Hier hat man unsere Überzeugung geteilt, dass dieses Buch wichtig ist und seine Leserinnen und Leser finden wird.
So geben wir nun das Buch an Sie, die Leserinnen und Leser, und hoffen, dass Sie es mit Gewinn für sich und ihre Arbeit in der Kirche lesen.
Bonn, im November 2007
Eberhard Hauschildt, Claudia Schulz, Eike Kohler
